Die Literaturen Hispanoamerikas im 19. Jahrhundert werden oftmals mit der Befreiung vom kolonialen Joch Spaniens und mit der Genese heute bekannter Staaten zusammengedacht. Texte, Geschichten oder theatrale Darstellungen tragen zu einem regional sehr unterschiedlich verlaufenden, stets aber umkämpften nation building bei. Sie können mithin als Gründungsfiktionen gedeutet werden, da sie _imagined communities _mitentwerfen, die den Entstehungs- und Konsolidierungsprozess von Nationen tragen. Doch ist das Verhältnis von literarischer Vorstellung, politischer Machtausübung und Herausbildung eines Gemeinwesens immer so klar aufeinander zu beziehen? Zeigen nicht etliche Fallbeispiele, welche Abgründe sich im Verhältnis von _nation _and _narration _zu Zeiten und in der Folge der _Independencias _auf dem lateinamerikanischen Kontinent auftun? Zumal in einer Zeit, in welcher zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufgrund tiefgreifender globaler Erschütterungen die Interaktionen von Politik und Kunst neu auszuhandeln sind und in der ein längst transnationales Denken mit Tendenzen der Re-Nationalisierung ringt, werfen Univ.-Prof. Dr. Kurt Hahn und Dr. Verena Richter (Universität Graz) einen differenzierten Blick zurück auf jene Entwicklungen.
Schnitt: Mariana Arrién
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Kurt Hahn: Mentaler Gallizismus und transkulturelles Erzählen
Verena Richters Habilitationsprojekt
Durch Faktoren wie die politische Zentralisierung, die Erschließung neuer Märkte und die Kolonialisierung steigt im Spanien des 16. Jahrhunderts die lebensweltliche Komplexität merklich an. Das ruft rege juristische, theologische und medizinische Debatten um das jeweils moralisch korrekte Verhalten auf den Plan. Marlen Bidwell-Steiner zeigt anhand der Episode von Dorotea und Fernando aus Miguel de Cervantes‘ Don Quijote, wie zentral diese Debatten im siglo de oro sind, welche Spuren sie auch in literarischen Texten hinterlassen und inwiefern sie als Katalysatoren der Herausbildung des modernen Romans wirken.
Interview: Teresa Hiergeist
Schnitt: Mariana Arrién
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Zum erwähnten Ausschnitt aus dem Don Quijote
‚Jugend‘ als eine zeitlich eingrenzbare Phase des Mensch-Seins ist ein modernes Konzept. Zahlreiche Stereotype und Klischees haften ihm seit seinem Aufkommen an. Sophie Winklehner, Studentin des Instituts für Romanistik Wien, untersucht eine davon: die Impuls- und Triebgesteuertheit der Jugend. Ihre Analyse des Films Los Tiburones von Lucía Garibaldi (2019) erklärt uns, wie im Film durch diese Zuschreibungen, Jugend vom erwachsenen „vollwertigen Menschen“ abgegrenzt und mit dem Animalischen gleichgesetzt wird.
Interview: Stefanie Mayer
Schnitt: Mariana Arrién
Trailer zu Los Tiburones
Zur 3. Ausgabe der Online-Zeitschrift vistazo
Das Thema ‚Landwirtschaft‘ ist im französischen Kino der vergangenen Jahre derart häufig aufgegriffen worden, dass sich bereits eine eigene Gattung etabliert hat: der cinéma agricole. Im Zentrum der Filme, die ihm zugerechnet werden, stehen vor allem die Probleme, mit denen Landwirt:innen angesichts von neoliberaler Marktlogik, Technologisierung und Agribashing in der heutigen Zeit zu kämpfen haben. Emilia Jugovic erklärt uns am Beispiel von Édouard Bergeons Au nom de la terre (2019), wie Landwirtschaftsfilme zu öffentlichen Debatten um Ökologie, Beziehungsgestaltung und Leistungsdenken beitragen.
Moderation: Teresa Hiergeist
Schnitt: Mariana Arrién
Überblicksartikel zum cinéma agricole
Schau Dir den Trailer zu _Au nom de la terre _an!
Kulturelle Ermächtigung. Ingo Pohn-Lauggas über Gramsci, Literatur und die Subalternen
Für viele ist Antonio Gramsci ein bekannter Name, doch nur wenige können behaupten, sein gesamtes Werk zu überblicken. Ingo Pohn-Lauggas, Literatur- und Kulturwissenschaftler am Institut für Romanistik der Uni Wien und Vorstandsmitglied der International Gramsci Society, befasst sich seit langem mit dem politischen Philosophen und hat für sein letztes Buch auch einige seiner Frühschriften neu übersetzt. Er spricht mit uns über die Schwierigkeiten der Gramsci-Rezeption, gibt Einblick in die zentralen Begrifflichkeiten des Denkers und erklärt, warum die Beschäftigung mit Literatur für seine Theorie so wichtig ist.
Interview: Stefanie Mayer
Schnitt: Mariana Arrién
Erwähnte Neuveröffentlichung:
Alexandra Assinger und Ingo Pohn-Lauggas: Südfrage und Subalterne – Gramsci Reader. Argument/InkriT, Hamburg 2023.
Gelesener Auschnitt:
Gramsci, Antonio: Lettere dal carcere. Giulio Einaudi, Torino 1971, S. 779.