• Fabulari. Der Wissenschaftspodcast zu Literatur und Film in der Romania Podcast

    82: Lichtbilder der Erinnerung, Projektionen von Alterität. Anna Hell über die Laterna magica im 20. Jahrhundert

    In dieser Folge spricht Anna Hell über ihr Dissertationsprojekt zur Laterna magica als Gegenstand kollektiver und individueller Erinnerung in der Literatur des 20. Jahrhunderts, mit Fokus auf das Medium als Gedächtnismetapher und poetologisches Modell. Sie erläutert, wie aus einer breiten internationalen Korpussichtung, einschließlich globaler Rezeptionspfade nach Japan, eine Typologie der „Laternenliteratur“ entsteht. Beispiele aus der (erweiterten) Romania umfassen etwa Marcel Proust, Giuseppe Raimondi, Léon-Paul Fargue oder Paul Laraque. Sichtbar werden dabei intermediale Wechselwirkungen, Re-mediation und Mediennostalgie sowie Kontraste zwischen autobiographischer Selbstbespiegelung und kolonialen Projektionen des Anderen.

    Interview: Julia Waygand

    Schnitt: Julia Waygand

    Die Laterna magica ist ein Medium für Lichtbildprojektionen, das Mitte des 17. Jahrhunderts mutmaßlich vom niederländischen Physiker Christiaan Huygens erfunden wurde und sich vor allem während des 19. Jahrhunderts zum Massenmedium entwickelte.

    Für einen visuellen Eindruck der hier beschriebenen Funktion einer Laterna magica, Glasbild-Varianten mit Bewegungsillusion sowie Literaturadaptionen für die Laterna magica empfiehlt Anna Hell das Video zu „Charles Dickens and the Magic Lantern“ des British Film Institute: https://youtu.be/omuDMHj0TZY?si=bMqjOhlX43szD06L

    Für den kurz erwähnten japanischen Kontext bietet außerdem die Waseda University eine hilfreiche Datenbank: „‚Utsushi-e‘ lantern slides owned by the Theatre Museum“: https://archive.waseda.jp/archive/subDB-top.html?arg={%22item_per_page%22:20,%22sortby%22:[%22%22,%22ASC%22],%22view%22:%22display-simple%22,%22subDB_id%22:%22124%22}&lang=en

    Für eine Live-Performance der Gruppe Minwaza Company of Tokyo an der University of Chicago siehe: „Japanese Magic Lantern Performance“: https://youtu.be/wCUBhhdiU9w

    81: El Nuevo Gótico Latinoamericano. Oliver Zimmermann über Schauer- und Horrorliteratur des 21. Jahrhunderts

    Ob historische Schrecken, aktuelle soziopolitische Missstände oder dystopische Zukunftsvorstellungen – eine neue Generation lateinamerikanischer Schriftstellerinnen greift genau diese Themen auf und verknüpft sie mit klassischen Motiven der Horror- und Schauerliteratur. So entsteht eine neue Strömung, die allgemein als Nuevo Gótico Latinoamericano bezeichnet wird. Was genau es mit dem Begriff auf sich hat, wie er zu verstehen ist und warum die Produktion dieser Texte gerade in Lateinamerika so floriert, erläutert Oliver Zimmermann, Postdoc an der Universität Passau, in dieser Folge von Fabulari.

    Interview: Judith Wimmer

    Schnitt: Judith Wimmer

    Textauszug: Enríquez, Mariana (2019): Nuestra parte de noche. Barcelona: Anagrama, 132–134.

    80: Schützenswerte Pflanzen, verletzliche Körper. Hannah Mühlparzer über Fiktionen der europäischen Erntearbeit

    In dieser Folge erkundet Hannah Mühlparzer der Universität Salzburg systematisch fiktionale Texte über Erntearbeit in Europa zwischen 2000 und 2025, insbesondere mit Fokus auf Spanien. Ausgehend von den Ereignissen in El Ejido als symbolischem Hintergrund wirft das Gespräch die Frage auf, wie Literatur auf agrarindustrielle Realitäten, Migration und Gewalt reagiert. Methodisch verortet in der Ökokritik und angelehnt an die Georgica nach Vergil, verschränkt das Projekt auf intersektionale Weise, Darstellungen von Natur, Arbeit, Geschlecht, Herkunft und Macht. Sichtbar werden dabei Kontinua zu anderen prekären Tätigkeiten und die Frage, wie Texte die Spannungen zwischen Schutzräumen für Pflanzen und Vulnerabilität der Arbeiter:innen inszenieren, bis hin zur Reflexion, wer überhaupt über Landwirtschaft schreiben darf.

    Interview: Julia Waygand
    Schnitt: Julia Waygand

    Die erwähnten Quellen in der Reihenfolge der Erwähnung:
    Giménez-Bartlett, A. (2000). Un gran jardín. In L. G. Martín (Hrsg.), Nuevos episodios nacionales: 25 historias de la democracia (1975-2000) (S. 437–453). EDAF. (Korrektur: bei dem Paratext handelt es sich um eine Schlagzeile, nicht um einen Zeitungsbericht.)
    Wald, S. D. (2016). The nature of California: Race, citizenship, and farming since the Dust Bowl. University of Washington Press.
    Wald, S. D. (2020). Farmworker Activism. In J. M. Coghlan (Hrsg.), The Cambridge Companion to Literature and Food (S. 197–214). Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/9781316997796.015
    Oulios, M. (2021). ERNTE? HILFE! RECOLTĂ? AJUTOR! [Manuskript].
    Simmel, L. (2024). Ferymont. Verbrecher.
    Hachemi, M. (2018). Cosas vivas. Editorial Periférica.
    Ein Beispiel zur erwähnten aktuellen angelsächsischen Forschung zur Georgik: Edney, S., & Somervell, T. (Hrsg.). (2022). Georgic Literature and the Environment: Working land, reworking genre. Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003241300
    Mbomío Rubio, L. A. (2024). Tierra de la Luz. Ediciones B.
    Moreno, L. (2022). La ciudad. Lumen.
    Link Theaterstück ‘Recolta Ajutor‘: https://interkultur.ruhr/archiv/projekte/detail/ernte-hilfe-recolta-ajutor-1

    79: Zwischen Individuum und Gesellschaft. Annabel Herzog über die Inszenierung von Rosario Castellanos in ‚Los Adioses‘

    „Los Adioses“ (2017) von Natalia Beristáin handelt vom Leben Rosario Castellanos‘, eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der mexikanischen Literaturgeschichte und wichtige Stimme des Feminismus der 1950er Jahre. Der Film portraitiert aber nicht nur das Leben der Autorin, sondern setzte sich auch mit dem Spannungsverhältnis zwischen weiblicher Emanzipation und rigiden patriarchalen Strukturen auseinander. Annabel Herzog erzählt uns in diesem Interview, mit welchen Mitteln dieses Spannungsverhältnis im Film inszeniert wird und inwiefern sich der Konflikt zwischen individuellem Selbstausdruck und gesellschaftlichen Rollenerwartungen auf die Identitätskonstruktion auswirken kann.

    Interview: Judith Wimmer

    Schnitt: Judith Wimmer

    Trailer zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=hlqDnucqyI4

    78: Das Unbehagen in der Moderne. Albulena Jasari & Karla Glibusic über Natur/Technik in Segundo de Chomóns Stummfilmen

    Diese Doppelfolge beleuchtet zwei frühe Filmexperimente von Segundo de Chomón im Spannungsfeld zwischen Faszination und Verunsicherung. Während die Ausführungen von Albulena Jasari zu La casa encantada eine unheimliche Ästhetik beleuchtet, die die Wahrnehmung herausfordert, zeigt Karla Glibusic mit El hotel eléctrico die Ambivalenz technischen Fortschritts und den Übergang vom Komfort zum Kontrollverlust auf. Beide Analysen verdeutlichen, wie das frühe Kino als Attraktion nicht nur spektakuläre Effekte präsentierte, sondern auch zentrale Spannungen der Moderne sichtbar machte. So entsteht eine gemeinsame Reflexion über Technik, Wahrnehmung und die Grenzen des Rationalen.

    Gestaltung: Albulena Jasari, Karla Glibusic
    Einleitung: Teresa Hiergeist
    Schnitt: Julia Waygand

    Die besprochenen Filme online anschauen:
    La casa encantada
    El hotel eléctrico