Gedankenexperimente wie Schrödingers Katze, sind als eine Art Hilfsmittel der Wissenschaft, um Theorien zu verdeutlichen, bestätigen oder widerlegen. Es werden hierbei Szenarien entworfen, die zwar in ihren wesentlichen Zügen denkbar, jedoch nicht oder nur schwer realisierbar sind. Aufgrund dieses hypothetischen Aspektes lässt sich eine gewisse Nähe zu literarischen Texten feststellen, die ebenfalls häufig mögliche, aber nicht wirkliche Arrangements entwerfen. Santiago Contardo, prae doc an der Romanistik Wien, hat Wintersemester 2023/24 eine Lehrveranstaltung geleitet, in der er und seine Studierenden Jorge Luis Borges Kurzgeschichten unter diesem Gesichtspunkt analysiert haben. Wir sprechen über das Potential von Literatur und Sprache, deren möglichen Schnittmengen mit Philosophie und Mathematik und bekommen einen Einblick in ein literaturwissenschaftliches Proseminar am Institut für Romanistik der Universität Wien.
Interview: Stefanie Mayer
Schnitt: Mariana Arrién
Gelesene Textpassage aus:
Borges, Jorge Luis. „La biblioteca de Babel“. Obras completas (1923–1949). Barcelona: Emecé, 1996.
Zum Weiterlesen:
Bornmüller, F; Franzen, J & Lessau, M. (Hg.)._ Literature As Thought Experiment?: Perspectives from Philosophy and Literary Studies_. Paderborn: Wilhelm Fink, 2019.
Macho, T. & Wunschel, A. (Hg.). Science & Fiction: Über Gedankenexperimente in Wissenschaft, Philosophie und Literatur. Frankfurt a.M.: Fischer, 2004
Theatertexte und Traktate stellten im Zeitalter des Barocks gleichermaßen Gattungen und Orte der Aushandlung gesellschaftlicher Verhaltensregeln dar. Jenny Augustin, Post-Doc am Institut für Romanistik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, untersucht in ihrem Habilitationsprojekt, wie sich in spanischen und französischen Texten der Epoche transkulturelle Formen gesellschaftlichen Wandels und der damit einhergehenden Verhaltensideale lesen lassen – und beleuchtet dabei Fragen, wie etwa warum Don Juan in Frankreich ganz anders küsste als in Spanien.
Interview: Benjamin Loy
Schnitt: Mariana Arrién
Der gelesene und besprochen Ausschnitt stammt aus Ana Caro: Valor, agravio y mujer, hg. v. Lola Luna, Madrid: Castalia 1993, vv. 1166-1175.
Der Link zur im Interview genannten Ausstellung „Tan sabia como valerosa“ (2020)
Queerness, in seiner Vielfalt an Begehren und Körperlichkeit, ist auf theoretischer Ebene mit einer normativen Erwartungshaltung konfrontiert, der eigene sexuelle Wünsche und Vorstellungen in Sprache und Bild entgegengesetzt werden. In diesem Sinne widmet sich José Esteban Muñoz in seinem Cruising Utopia: The Then and There of Queer Futurity (2009) der Frage nach dem gestaltenden Potential von Utopien und der queeren Zeitlichkeit. Wie in Muñoz Theorie sind auch im Film Fogo-Fátuo (2022) des Regisseurs João Pedro Rodrigues die Sprünge und Verbindungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besonders maßgeblich. Stefan Lessmann, Doktorand an der Yale University, erklärt, inwiefern der portugiesische Spielfilm als eine queere Utopie gelesen werden kann und welche Rolle das Bild- und Symbolhafte in diesem Zusammenhang spielt.
Interview: Stefanie Mayer
Schnitt: Mariana Arrién
Zum Weiterlesen: José Esteban Muñoz: Cruising Utopia. The Then and There of Queer Futurity
Zum Subjektbegriff ist unter anderem in der poststrukturalistischen Theorie viel gesagt worden. Wie und in welcher Form aber lassen sich diese Ansätze auch auf literarische Texte der Vormoderne anwenden? Wie lassen sich Anachronismen umgehen und Synergien schaffen? Dr. Stephanie Béreiziat-Lang, post doc an der Universität Heidelberg, berichtet von der Arbeit des interdisziplinären DFG-Netzwerks ‚An den Rändern der Moderne. Konvergierende Subjektkonzeptionen zwischen Vor- und Nachmoderne‘, das sie leitet, sowie von ihrem Habilitationsprojekt ‚Körperbeschriftungen: Text und Körper in den iberischen Literaturen der Vormoderne‘ und erklärt, wie gerade die Materialität die Überlegungen zur Subjektivität bereichern könnte.
Interview: Teresa Hiergeist
Schnitt: Mariana Arrién
Zur Homepage des Netzwerks ‚An den Rändern der Moderne‘
Zur Homepage des SFB 933 ‚Materiale Textkulturen‘
Zum Weiterlesen
Stephanie Béreiziat-Lang über Körperlichkeit und Materialität in Ritterromanen
Beschäftigt man sich in den Literaturwissenschaften mit Autor:innenschaft, so wird man häufig einer vereinfachten Textanalyse verdächtigt, bei der nur jene Aspekte berücksichtigt werden, die in Verbindung mit der Biographie der schreibenden Person in Verbindung gebracht werden können. Gabriele Hassler, prae doc an der Universität Innsbruck, erklärt uns, warum ein Miteinbeziehen der Autor:innenfigur – ganz im Gegenteil – zusätzliche neue Perspektiven eröffnen kann und gewährt uns Einblick in ihr Dissertationsprojekt über die spanische Autorin Gloria Fuertes und die argentinische Autorin María Elena Walsh.
Interview: Stefanie Mayer
Schnitt: Mariana Arrién
Vorgelesenes Gedicht ‚Cabra sola‘:
Fuertes, Gloria (2008)[1975]: Obras incompletas, Madrid: Cátedra, S. 212.
Zum Weiterlesen:
Wer sein, als Autorin – wer sein, als (lesbische) Frau?